Welch ein Auftakt zum bereits sechsten Innovative Citizen Festival, dem Festival für eine demokratischere Technik, im roten Kinosaal des Dortmunder U!

Auch dieses Jahr lud der Energetische Salon als Gastgeber der Eröffnungsfeier spannende Persönlichkeiten ein, die nichts weniger im Sinn haben, als sich ganz im Zeichen der konkreten Festival-Utopie für eine kritisch denkende und autonom handelnde Gesellschaft im Umgang mit Technik, Mensch und Umwelt einzusetzen.

In der Praxis heißt das für den belgischen Chefredakteur und Betreiber des Online-Magazins Low-Tech Magazine, Kris De Decker, den Ethos der modernen Konsumgesellschaft, laut dessen jedes Problem auch eine Hightech-Lösung bereithält, grundsätzlich infrage zu stellen. Dabei geht es ihm nicht um den technologischen Fortschritt per se, sondern um das Wie der dafür nötigen Investitionen und das Wozu des alltäglichen Gebrauchs. Braucht es zum Leben wirklich einen batteriebetriebenen Salzstreuer? Was geschieht mit dem Kunststoff der Rotorblätter ausgedienter Windräder? Und warum sitzen wir eigentlich immer noch in den gleichen Karosserien wie vor fünfzig Jahren schon? Die Nutzung regenerativer Energiequellen alleine wird nicht ausreichen, um eine sozial-ökologisch nachhaltigere Zukunft zu gestalten. Die Antwort auf viele Fragen lautet für De Decker ganz klar: Degrowth. Mit gutem Beispiel geht er bei seinen eigenen Projekten voran. Sein Online-Magazin betreibt De Decker über einen Schuhkarton großen Server, der mit Strom von einem kleinen Solarpanel versorgt wird, das anstelle von Blumenkästen seine Außenfassade schmückt. Keine Werbung, keine Tracker, die wenigen Bilder auf seiner Webseite bleiben unbewegt. Und wenn die Sonne länger mal nicht scheint, muss der Leser eben den nächsten Wetterbericht abwarten.  

Wie lässt sich das moralische Gewissen wecken und politischer Widerstand leisten? Genau, durch politische Kunst. Die Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit sind radikal, laut Bernd Höcke sogar „terroristisch“ und sorgen in jedem Fall in der Öffentlichkeit und den Medien für einen kontroversen Diskurs. Cesy Leonard, Chefin des Planungstabs des Zentrums für Politische Schönheit, und ihre Begleitung Nina Schmulius bereicherten die zweite Hälfte des Abends mit ihrem Vortrag über „Künstlerische Strategien für den Aggressiven Humanismus“. Über einen sieben-Punkte-Plan nahmen die beiden Aktionskünstlerinnen das Publikum nochmals mit bei ihrem Nachbau des Berliner Holocaust-Mahnmals in unmittelbarer Nachbarschaft des Höcke-Hauses. Auch wenn es viel zu lachen gab, verschwiegen die beiden inspirierenden Frauen jedoch auch nicht die Konsequenzen einer solchen Aktion, die ihren Höhepunkt in einem Ermittlungsverfahren gegen das Zentrum für Politische Schönheit wegen des Verdachts einer kriminellen Vereinigung fand. In der anschließenden Diskussion machten sie dem Publikum dennoch Mut, Protest neu zu denken.

Im Anschluss machte die Dortmunder Band Letzte Runde ihren Namen zum Programm, denn leider hat auch jede Zugabe irgendwann ein Ende.